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Diözese Würzburg
Kreis Aschaffenburg
Reg.-Bez. Unterfranken
Die urkundlich bezeugten Anfänge von Ort und Pfarrei gehen nicht über das 11. Jh. hinaus, doch legt das Patrozinium des hl. Justinus, dessen Reliquien 834 nach Höchst a. M. transferiert wurden, eine Entstehung der Pfarrei im 9. Jh. nahe, vielleicht, wie Ende des 18. Jh. vom Kloster Seligenstadt behauptet wird, auf Seligenstadter Klostergebiet.
Im Hochmittelalter jedenfalls finden wir Willmundsheim, wie der Ort damals hieß, als Hauptort des »Freigerichts«, eines halb sich selbst verwaltenden, halb mit der Abtei Seligenstadt und örtlichem Adel verbundenen Gebiets, welches seinen Sonderstatus nach der Überlieferung dem Kaiser Friedrich Barbarossa verdankt, der 1184 durch die Bewohner jener Gegend von einem Überfall gerettet worden sein soll.
Nach einem knappen Jahrhundert (1298-1386) unter dem Einfluß des örtlichen Geschlechts der Ranneburger beherrschen das Erzbistum Mainz und die Grafen von Hanau im ausgehenden Mittelalter das Freigericht und den Ort. Das Dorf nimmt schließlich von der mainzischen Burg den Namen Alzenau an und erhält auf Betreiben des Erzbischofs 1401 von König Ruprecht Stadt- und Marktrechte. 1500 verleiht Kaiser Maximilian dem Erzbischof von Mainz und den Hanauer Grafen gemeinschaftlich die Landeshoheit über das Freigericht, dessen Sonderstellung damit endet.
Während die Streitigkeiten der Reformation Alzenau kaum berühren, kommt es im Dreißigjährigen Krieg mehrfach zu Truppendurchzügen und 1635 zur Einnahme der Burg durch schwedische Truppen mit Brand und Plünderung. Nach dem Aussterben der Grafen von Hanau-Lichtenberg hört der Gemeinschaftsbesitz auf. 1740 wird das Gebiet zwischen Hessen und Mainz geteilt, wobei Alzenau mainzischer Amtssitz wird. Bei der Auflösung des alten Reiches zu Beginn des vorigen Jahrhunderts kommt Alzenau zunächst (1802) an das Großherzogtum Hessen, dann 1816 zu Bayern.
Die mutmaßliche Seligenstadter Klosterpfarrei Willmundsheim wird seit der Schenkung des vormaligen Reichsklosters an Mainz (1063) mit Weltgeistlichen besetzt. Diese scheinen sehr bald unter den Einfluß örtlicher Herrschaften geraten zu sein, so daß seit dem Ende des 13. Jh. die erneute Vereinigung der Pfarrei mit dem Kloster Seligenstadt unter starker mainzischer Unterstützung betrieben wird. Trotzdem braucht es von der 1260 durch Papst Alexander IV. verfügten Einverleibung über 100 Jahre, bis schließlich 1397 alle Pfarrrechte an Seligenstadt gelangt sind. Im Dreißigjährigen Krieg (ab 1635) wird die Pfarrei erstmals mit Klostergeistlichen besetzt, und dieser Brauch dauert an, bis 1771 der Mainzer Erzbischof Joseph Emmerich die Besetzung der Pfarreien mit Klostergeistlichen verbietet. Nach dem Übergang an Bayern findet auch die jahrhundertelange Bistumszugehörigkeit zu Mainz ein Ende; Alzenau gehört seitdem zur Diözese Würzburg.
Von der alten Alzenauer Kirche wissen wir wenig. Sie stand oberhalb der Talsenke, in der die Stadt sich ausbreitet, etwa in der Gegend des heutigen Leichenhauses. Eine Landkartendarstellung von 1592 zeigt die von Bäumen umstandene Kirche auf der Anhöhe gegenüber dem Schloß, aber die schlichte Darstellung läßt kaum Einzelheiten erkennen.
1754 erfahren wir, daß die Kirche baufällig und ein Neubau bereits bewilligt sei. Aber wegen eines Streits über den künftigen Standort verzögern sich die Planungen, denn die Bewohner der umliegenden Filialgemeinden wünschen die neue Kirche, für sie bequem erreichbar, am alten Standort, während der mainzische Amtskeller Krieg den Bau im Ort, unterhalb des Schlosses, errichtet sehen möchte. Während 1756 der Standortstreit in Bittschriften und Gegendarstellungen seinen Höhepunkt erreicht, wird am 1. Dezember dieses Jahres beschlossen, die Kirche jedenfalls nach dem Entwurf des Baumeisters Johann Martin Schmidt aus Amorbach zu bauen. Schon zwei Monate später entscheidet eine Sachverständigenkommission unter Leitung des Seligenstadter Abtes als eigentlichem Pfarrherrn zugunsten des vom Amtskeller gewünschten Standorts (2. 2. 1757).
Zwei Tage darauf wird der Bauvertrag mit dem Aschaffenburger Unternehmer Franz Bockorny geschlossen, am 24. Mai im Beisein des Seligenstadter Abts die Grundsteinlegung gefeiert und, nach Streitigkeiten über die Ausführung der Arbeiten am Chor durch Seligenstadter Klosterhandwerker, schon 1758 durch den Mainzer Weihbischof Christoph Nebel die Weihe vorgenommen. Freilich war die Kirche noch nicht vollendet. 1759 wird um die Überlassung von Bauholz und Fensterscheiben gebeten, der Bauunternehmer Bockorny ersucht um den Auftrag für die Wölbung, und noch im August 1759 waren die Kapitelle nicht stuckiert und die Kirche nicht getüncht. Nachdem Versuche (oder nur Wünsche?), den Freskomaler Appiani für eine Ausmalung zu gewinnen, fehlgeschlagen waren, dürfte der Bau 1760 fertiggestellt worden sein. Die alte Ausstattung entstand größtenteils in den beiden folgenden Jahrzehnten.
1859 wurden Altäre und Kanzel überfaßt, während die Renovierung des Innenraums erst um die Jahrhundertwende erfolgte. Die Marmorierungen von 1859 nahm man 1949 wieder ab und faßte die Ausstattung in Anlehnung an den ursprünglichen Zustand neu. 1957 wurden Chorstufen, Kommunionbank und Fenster erneuert, 1971 die Kirche unter Wiederherstellung der ursprünglichen Raumfarbigkeit neu getüncht und schließlich 1973 die neue liturgische Ausstattung angeschafft.
Die Alzenauer St. Justinuskirche ist in Architektur und Ausstattung - ausgenommen die beiden Seitenaltäre - ein typisches Produkt des Aschaffenburger Raumes, der seit dem Spätmittelalter von Mainz bestimmt wird. Trotz dieser generellen Abhängigkeit entwickelt sich im Mainzer »Oberstift« eine eigene Kunstrichtung, die im 18. Jh. etwa in den Bauten des Architekten Johann Martin Schmidt oder in der eigentümlichen Aschaffenburger Gruppe von drei Baldachinaltären zu fassen ist.
Mit den beiden Seitenaltären Johann Peter Wagners werden kunsträumliche Grenzen und regionale Qualitätsnormen überschritten und der Anschluss an das hohe süddeutsche Kunstniveau des späteren 18. Jh. erreicht. Was wir an 'mainzischer' Baukunst und Dekorationskultur wenige Jahre zuvor in Amorbach finden, ist in Alzenau ländlich vereinfacht, aber doch dem Dekorum einer kleineren Amtsstadt gemäß.
Quelle: Jürgen Julier in dem von ihm bearbeiteten Kirchenführer, der am Schriftenstand der Kirche und im Pfarrbüro erhältlich ist.